Der Lauf


 

Km 1-5

Ich musste aufpassen mich nicht zu sehr von den anderen Läufern mitreißen zu lassen. 

Wenn ich in meiner Uhr die einzelnen Pace Zeiten anschaue ist das natürlich ein bisschen passiert , aber es war okay. 

Die ersten km gehen durch Biel.  Ich bekomme  Gänsehaut und mir schießen Tränen in die Augen. 

Lauter fremde Leute am Streckenrand, die einem wild zujubeln.  Die denken sicher ich habe einen Knall. Beruhigend zu wissen das 1000 andere Läufer hier gerade den gleichen Knall haben :) 

 

Km 5-6 

Es geht langsam raus aus Biel, die erste Steigung. Meine Kraft ist voll da! Sie aber jetzt schon zu verpulvern ? 

Mir wurde vorher geraten die Steigungen lieber zu gehen. Mein Körper würde es mir hinten raus danken. 

Mein Plan: Ich schaue mal, was machen denn die anderen Läufer um mich herum? 

Ahaaa, sie gehen auch! 

 

Km 7-20

Es geht Richtung Aarberg. 

Kurz vorher überholt uns der erste Halbmarathoni. Sie sind eine halbe Stunde nach uns gestartet und haben in Aarberg ihr Ziel. 

Aarberg war definitiv mit eines meiner Highlights. Unglaublich was in einer Stadt nachts los sein kann. Nicht weil irgendwie ein Star hier ankommt, nein hier rennen „unbekannte“, verrückte Läufer durch die Stadt,  die am Ende 100 km finishen wollen. 

Die Leute am Streckenrand feiern uns, der Sprecher sagt meinen Namen durch und meinen Verein„Reisegruppe Schlemmerblock“ - ich muss lachen - der Akzent aus der Schweiz klingt in dem Moment einfach so lustig. 

 

Km 22

Nächste Station Lyss. 

Ich weiß viele laufen Biel ohne eine Radbegleitung. Aber allein dieses Gefühl ab jetzt zu wissen, das ich erstmal nicht mehr alleine bin, hat mich beruhigt. 

Es sind in diesen Momenten die kleinen Ziele , die einen immer weiter bringen. 

Ab jetzt : Im Team! 

 

Km 23-53

Dunkelheit , nur die Lampen der anderen Läufer , Feldwege , Kühe , niichts. 

Normale Menschen schlafen um so eine Uhrzeit. 

Es ist schade das man einen Sternenhimmel nicht auf ein Bild bekommt. Die Nacht war unglaublich klar. 

 

Und dann ein Moment der hätte alles zerstören können. Ich bin umgeknickt. 

Ich hätte schreien können. Ich war mir kurz nicht sicher ob wirklich alles okay ist. Der Fuß hat gezogen, aber nach ein paar Metern war es wieder okay, weiter geht’s!

 

Und dann endlich der Moment - es dämmert - es wird langsam hell. 

Noch nie habe ich mich so sehr gefreut wieder Tageslicht zu haben.

Ehrlich gesagt hatte ich auch grad nichts anderes zu tun als darauf zu warten und zu achten. 

 

Immer wieder überholen wir Läufer die bereits gehen , oder wir werden von Läufern überholt die kurz vor ihrem Ziel sind und nochmal Gas geben.  Es macht Spaß sich mit dem ein oder anderen zu unterhalten. 

Ein Kompliment ist mir besonders in Erinnerung geblieben : Ein anderer Läufer hat mich beobachtet und fand das ich noch unheimlich gleichmäßig laufe.  NOCH :) Immerhin hab ich gerade erstmal bisschen mehr als die Hälfte hinter mir. 

Das wird sich noch ändern …..ganz sicher !

 

Km 54

„Neuland“ - bis hier hin bin ich schon mal in Mörfelden gekommen, ab jetzt beginnt meine längste Distanz. 

 

Km 56

Kirchberg! Die größte Station. Ab hier trennt sich das Läuferfeld. 

Die Läufer die eine 56 auf dem Rücken tragen finishen. 

100 km Läufer, die nicht mehr können, haben hier die Möglichkeit in den Bus zu steigen.

Nur noch ca 650 Läufer laufen weiter. 

Neid das andere fertig sind und ich nicht ? NEIN! 

Zu diesem Zeitpunkt ging es mir noch erstaunlich gut und ich hatte definitiv heute ein anderes Ziel!

 

Mittlerweile ist es hell und wir können unsere Lampen ausschalten. 

Ich behalte sie sicherheitshalber aber nochmal an. 

Bin mir nicht sicher, ob das aktuelle Tageslicht für den Ho-Chi-Minh-Pfad ausreicht. 

 

Weiter geht’s. Kurz um die Ecke und ab hier musste ich nochmal 10 km alleine weiter, die Strecke zu eng für ein Fahrrad. Und ja, das ist auch richtig so. 

Der HCM wurde dieses Jahr etwas verändert. 

Angeblich nicht ganz so „Trail“ wie sonst. Mir hat das ausgereicht. 

Ich konnte den Emmendamm hören. Es hatte ordentlich geregnet, und das Wasser ist lautstark geflossen. 

Es war um es mal ehrlich zu sagen „beschissen“. Es gibt Läufer die lieben dieses Teilstück. Ein kleiner Trail direkt am Fluss , total ruhig. 

Ehm, also ich hab es gehasst! Bzw. meine Füße. 

Vielleicht hätte ich etwas mehr auf unebenen Untergrund trainieren sollen. 

 

Die Regel von Sascha : ohne mich gehst du dort nicht ! Gesagt getan!

 

Km 62

Wobei - ein kleiner Stopp an der Verpflegungsstation. 

„Guuuuuuten Morgen Anna, wie geht es dir?“ hat mich einer der Helfer begrüßt. 

„Najaa was soll ich sagen, ich bin freiwillig hier,zu dir sage ich mir geht’s gut - den Kummerkasten wo es überall weh tut übernimmt am Ziel dann meine Familie“ 

„In Ordnung Anna, ich gebe dir nur einen Tipp mit auf den Weg - Erzähl denen nicht wo es überall weh tut, das dauert zu lange! Sag einfach wo es nicht weh tut und nun viel Spaß noch - RENN :)“ 

Wieder laufe ich grinsend weiter, nette Helfer, denen auch ein Danke gilt , immerhin schlagen die sich auch die Nacht dort durch. 

 

Km 66

Sascha war wieder mit dabei. 

Ab jetzt definitiv im Team - bis ins Ziel. 

Ich konnte ihm ansehen das er langsam müde wird, aber es sollte sich noch herausstellen das seine wichtigste Zeit noch kommen wird. 

Ab dann? Meine Erinnerungen haben teilweise Lücken. Eins weiß ich, ich bin immer noch "gerannt".

Habe mir an den Verpflegungsstation etwas mehr Zeit genommen. Vor allem für genug trinken, Sascha meinte er kam sich „noch“ etwas unnötig vor. 

Was ich allerdings verneine, da er bis hier hin schon unglaubliches geleistet hat, indem er mich einfach durch Reden abgelenkt hat, an jeder einzelnen Station meine Pulver gemischt hat , mich ans Essen erinnert hat und einfach da war. 

 

Km 76

Bibern!

Ein letztes Mal meine mitgereisten Fans gesehen, bevor es Richtung Ziel geht. 

Ich erinnere mich an einen der Versuche von Sascha mich zum Lachen zu bringen : 

„Anna tu nicht bibbern, wir kommen gleich nach Bibern“

 

Ab da mein erstes großes Problem:

Keine Blasen, keine Verletzungen, keine Wunden Oberschenkel - aber naaaa toll ein wunder Hintern. 

Aber hilft ja alles nichts ..... 

An einem wunden Hintern soll es am Ende sicher nicht scheitern. 

 

Direkt nach der Verpflegungsstation geht es den Berg hoch - alle gehen. 

Der Moment an dem ich Kontakt via Handy zu meinen Fans zu Hause aufgenommen habe um ihnen selbst mitzuteilen das soweit alles okay ist, ich diese letzten 24 km noch durchziehe, selbst wenn ich durch das Ziel krieche. 

Danach Berg ab , wieder gehen. 

Berg ab ? Jaaaa, korrekt. 

Mir ist alles ins Knie geschossen, Berg ab gerade schlimmer als Berg auf. 

 

Km 80

Vorbei dachte ich. Da geht nichts mehr! Die Beine schaffen das nicht , ich bekomme sie nicht mehr hoch. 

Ich erinnere mich an einen Satz, den ich in einen der Bücher gelesen hatte.

„Bis km 80 ist es furchtbar , ab dann wird es grauenhaft“ 

 

Ich sage dazu: "Bis km 80 war es für mich okaaay , ab dann wurde es furchtbar und grauenhaft zugleich!"

 

Ich habe auf nichts mehr Lust , kein Essen , kein trinken.  Wir müssen kurz anhalten , mir kommen die Tränen und ich atme daher nicht mehr richtig, was für den Kreislauf schlecht ist. 

Aber zusammen reißen , weiter !

Sascha gibt alles um mich bei Laune zu halten. 

An seine Erzählungen / Witze / Lieder die er mir vorgespielt hat / Bemühungen kann ich mich teilweise nicht mal mehr richtig erinnern. Ich stand vollkommen neben der Spur. Aber er hat sich unglaublich viel Mühe gegeben, das weiß ich.

 

Dann greift Sascha zum Handy. Ich dachte er macht Bilder oder filmt mit der GoPro noch ein bisschen. 

Aber nein, er startet einen Aufruf an all meine Freunde und Familie zu Hause , erzählt ihnen das wir noch ca. 15 km vor uns haben- das ich ab jetzt aber anfange zu kämpfen und sie sollen mir Sprachnachrichten schicken, die er mir vorspielen kann. 

Als ich das alles gehört habe sind mir sofort die Tränen in die Augen geschossen- Emotionen pur. 

 

So viele Menschen zu Hause sitzen da gerade am Handy und verfolgen mich live, sie verstehen  das ich dringend Unterstützung brauche. 

Genau das hat mich motiviert - motiviert immer wieder anzulaufen - immer weiter um am Ende ins Ziel zu kommen. 

Ich habe teilweise gelacht, dann wieder geweint. 

Vor Freude weil die Nachrichten lustig aber auch schön waren.  

Alle zu Hause und live vor Ort haben mich diese 20 km damit ein Stück Richtung Ziel getragen- jeder auf seine Art und Weise. 

Es ist unglaublich das ich so tolle Freunde und Familie habe. 

 

Das hat gezeigt das am Ende der Wille größer ist als das Können und das der Körper unglaubliches leisten kann wenn der Kopf ihm das einfach sagt. 

 

Km 90

Und dann nur noch 10 km. 

Ich kann wirklich sagen ich bin ab dann durch die Hölle gegangen, der härteste Kampf den ich im Leben mit mir selbst ausgemacht habe. 

Sascha durfte kein Wort mehr mit mir reden. Ich habe keine Ahnung wo ich diese aller letzte Kraft her hatte und diesen Willen aber diese letzten 10 km habe ich versucht durchzurennen. Wenn man das Tempo überhaupt als rennen bezeichnen kann.  

Das immer mal wieder Gehen und wieder Anlaufen zwischen km 80 und 90 war unfassbar anstrengend. Es fiel mir ab km 90 leichter auf das Gehen größtenteils zu verzichten. 

 

Km 99

Bzw nein sorry,  9 km bin ich "gerannt"!  Weil das kleine Fotoshooting bei km 99 musste ja sein. 

Immerhin war das mein Grund diesen 100 km Lauf zu machen. 

 

Der letzte km

Der längste km war dann der ins Ziel. Immer wieder habe ich gefragt wo es denn endlich ist. Und dann laufe ich um die Kurve, sehe das Ziel, meine Familie und meine Freunde. Ich dachte nur: bitte noch nicht heulen. Das Zielfoto soll doch schön werden ;) 

 

Km 100 - 14:00:44 h 

Ein magischer Moment.

Ein emotionaler Moment. 

 

 

100 km - Jaaaaaa!!! 

Mein Traum ist Realität geworden! 

Mir fehlen die Worte.

Ich bin einfach nur glücklich!